Sigma 85mm F1.2 DG | Art: Völlig unnötig – und genau deshalb so gut?
Braucht man wirklich ein 85mm-Objektiv mit Blende F1.2? Wahrscheinlich nicht. Und trotzdem hat Sigma mit dem neuen Sigma 85mm F1.2 DG | Art ein Objektiv gebaut, bei dem genau diese kleine Portion fotografischer Unvernunft verdammt viel Spaß macht.
Denn seien wir ehrlich: Wer einfach nur ein gutes Portraitobjektiv sucht, findet mittlerweile hervorragende 85mm-Festbrennweiten mit F1.8 oder F1.4. Sie sind lichtstark, kompakt und liefern mehr als genug Freistellung. Rein rational gibt es nur wenige Gründe, unbedingt zu F1.2 greifen zu müssen.
Aber Fotografie muss eben nicht immer rational sein.
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85mm und F1.2: Maximale Freistellung für Portraits
85mm gehören seit Jahren zu den klassischen Brennweiten für die Portraitfotografie. Die leichte Telewirkung sorgt für eine angenehme Perspektive und ermöglicht gleichzeitig eine starke Trennung zwischen Motiv und Hintergrund.
Öffnet man die Blende dann noch auf F1.2, wird dieser Effekt auf die Spitze getrieben.
Die Schärfentiefe wird extrem gering, Hintergründe lösen sich teilweise vollständig auf und der Fokus wird noch stärker auf die fotografierte Person gelenkt. Gerade bei Portraits kann dadurch dieser ganz spezielle Look entstehen, den viele Fotografen an extrem lichtstarken Festbrennweiten lieben.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass F1.2 jedes Foto besser macht.
Braucht man Blende F1.2 überhaupt?
Der Unterschied zwischen F1.4 und F1.2 ist deutlich kleiner, als die Zahlen zunächst vermuten lassen. Man bekommt etwas mehr Licht und eine noch geringere Schärfentiefe – aber eben keine völlig neue Welt der Fotografie.
In vielen Situationen wird man den Unterschied im fertigen Bild kaum erkennen. Und manchmal kann zu viel Freistellung sogar kontraproduktiv sein.
Wenn der Hintergrund vollständig in Unschärfe verschwindet, kann ein Foto schnell fast künstlich wirken. Gerade deshalb mögen wir es beispielsweise, wenn auch im Vordergrund oder auf dem Boden natürliche Unschärfeverläufe entstehen. Dadurch bekommt das Bild Tiefe und der unscharfe Hintergrund wirkt weniger wie eine nachträglich eingesetzte Fototapete.
F1.2 ist deshalb für uns weniger eine technische Notwendigkeit als vielmehr ein kreatives Werkzeug.
Der eigentliche Clou: Die Größe
Extrem lichtstarke Objektive haben normalerweise einen ziemlich offensichtlichen Nachteil: Sie sind groß und schwer.
Genau deshalb überrascht das Sigma 85mm F1.2 DG | Art.
Mit rund 905 Gramm ist es natürlich kein Pancake-Objektiv. Für ein Autofokus-85mm mit F1.2 fällt es aber erstaunlich kompakt aus. Sigma selbst bezeichnet es zum Marktstart als kleinstes und leichtestes AF-85mm-F1.2 seiner Klasse.
Und genau diese Balance macht für uns einen großen Teil des Reizes aus: Man bekommt den extremen F1.2-Look, ohne dafür ein vollkommen absurdes Objektiv mit sich herumtragen zu müssen.
Autofokus unter wirklich schwierigen Bedingungen
Für ein Portraitobjektiv ist ein zuverlässiger Autofokus entscheidend – besonders bei F1.2. Schließlich reicht bei dieser geringen Schärfentiefe schon eine minimale Abweichung, damit statt des Auges plötzlich die Wimpern oder die Nasenspitze scharf sind.
Deshalb haben wir es dem Sigma im Praxiseinsatz nicht unbedingt leicht gemacht.
Bei einem Studioshooting arbeiteten wir mit starkem Gegenlicht, Baufolie vor und um das Motiv und zusätzlich mit mehreren Filtern. Bedingungen also, unter denen ein Autofokussystem durchaus ins Schwitzen kommen darf.
Trotzdem wurde das Auge erstaunlich häufig zuverlässig erkannt und getroffen. Nicht ausnahmslos – das wäre unter solchen Bedingungen auch eine ziemlich sportliche Erwartung – aber häufig genug, um mit dem Objektiv problemlos arbeiten zu können.
Gerade für Hochzeiten, Events oder professionelle Portraitproduktionen ist das entscheidend. Ein Objektiv darf spektakuläres Bokeh liefern – wenn der Fokus im entscheidenden Moment nicht sitzt, hilft das schönste Bokeh nichts.
Bedienung: Typisch Sigma Art
Auch bei der Verarbeitung bleibt Sigma seiner Art-Serie treu. Das Objektiv fühlt sich hochwertig und auf professionellen Einsatz ausgelegt an.
Mit dabei sind unter anderem ein Blendenring, eine Lock-Funktion für diesen, AFL-Tasten und ein AF/MF-Schalter. Besonders angenehm ist außerdem die wertig ausgeführte Gegenlichtblende.
Der Filterdurchmesser liegt bei 82 mm – praktisch für alle, die bereits mit entsprechenden Filtern arbeiten.
Insgesamt wirkt hier wenig verspielt. Das Objektiv fühlt sich eher wie ein Werkzeug an, das tatsächlich regelmäßig eingesetzt werden möchte.
F1.8, F1.4 oder F1.2?
Genau hier sollte man allerdings realistisch bleiben.
Wer einfach ein zuverlässiges 85mm für Portraits sucht, braucht kein F1.2.
Ein gutes 85mm F1.8 ist für viele Fotografen vermutlich sogar die vernünftigere Entscheidung. Es ist kleiner, leichter und in der Regel deutlich günstiger – und trotzdem bekommt man bereits einen wunderschönen klassischen 85mm-Portraitlook.
Darüber kommt die F1.4-Klasse. Ein Sony 85mm F1.4 GM II beispielsweise kombiniert hohe Lichtstärke mit einem vergleichsweise kompakten professionellen Gesamtpaket.
Und dann kommt F1.2.
Das ist nicht mehr unbedingt die rationale Entscheidung. Das ist die Entscheidung für das letzte bisschen Freistellung, für maximale Lichtstärke und vor allem für einen bestimmten Look.
Und genau das darf ein Kaufgrund sein.
Sigma baut sich ein spannendes F1.2-Trio
Besonders interessant wird das neue 85mm, wenn man sich Sigmas aktuelles Line-up anschaut.
Mit dem Sigma 35mm F1.2 DG II | Art, dem Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art und dem neuen 85mm F1.2 DG | Art entsteht eine komplette Reihe extrem lichtstarker Festbrennweiten.
35mm für weitläufigere Portraits und Reportage-Looks, 50mm als klassische Normalbrennweite und jetzt 85mm für maximale Portrait-Freistellung.
Was uns dabei besonders gefällt: Sigma versucht offensichtlich nicht nur, möglichst extreme technische Daten auf die Verpackung zu schreiben. Gerade bei Größe und Handling wurde versucht, diese extremen Lichtstärken trotzdem alltagstauglich zu halten.
Warum überhaupt so viel Geld für ein Objektiv ausgeben?
Bei solchen Objektiven kommt irgendwann zwangsläufig die Frage: Brauche ich das wirklich?
Und vielleicht ist das die falsche Frage.
Wir versuchen häufig, einen rationalen Grund dafür zu finden, warum wir ein bestimmtes Objektiv oder eine bestimmte Kamera kaufen sollten. Mehr Schärfe. Mehr Licht. Schnellerer Autofokus. Besseres Bokeh.
Aber manchmal lautet der Grund schlicht:
Weil wir Bock darauf haben.
Ein besonderes Objektiv kann dazu führen, dass wir wieder Lust bekommen, fotografieren zu gehen. Dass wir neue Bildideen ausprobieren. Dass wir bewusst mit Offenblende arbeiten, Gegenlicht suchen oder versuchen, diese letzten paar Prozent aus einer Aufnahme herauszuholen.
Das bedeutet nicht, dass wir dieses Objektiv brauchen.
Es bedeutet nur, dass Fotografie eben auch ein Hobby, eine Leidenschaft und ein kreativer Prozess sein darf.
Fazit: Das Sigma 85mm F1.2 DG | Art macht einfach Spaß
Das Sigma 85mm F1.2 DG | Art ist kein Objektiv, das jeder Fotograf besitzen muss.
Im Gegenteil: Wer möglichst rational einkauft, wird mit einem guten 85mm F1.8 oder F1.4 wahrscheinlich genauso glücklich – vielleicht sogar glücklicher.
Aber Sigma schafft hier etwas, das wir schon bei anderen Objektiven der Art-Serie spannend fanden: eine eigentlich völlig übertriebene technische Idee so weit in Richtung Alltagstauglichkeit zu bringen, dass man plötzlich doch darüber nachdenkt.
F1.2. 85mm. Extreme Freistellung. Gleichzeitig ein für diese Objektivklasse überraschend kompaktes Gehäuse und ein Autofokus, der auch unter schwierigen Bedingungen überzeugen konnte.
Das Ergebnis ist ein Objektiv, mit dem man einfach gerne fotografiert.
Und vielleicht reicht das bereits als Kaufargument.
Nur eines sollte man sich dabei niemals einreden: Dass man so ein Objektiv braucht, um gute Fotos zu machen.
Eine Kamera, ein Objektiv, Kreativität und vor allem Spaß an der Fotografie sind am Ende deutlich wichtiger als die Zahl, die vorne auf dem Objektiv steht.









