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ÜBERBELICHTUNGS-WARNUNG! DER BREMSKLOTZ AM SIEGESZUG DER FOTOGRAFIE!

Der heutige Beitrag liegt mir besonders am Herzen. Auch wenn jetzt gerade schon wieder fast ein neuer Tag anbricht und ich definitiv eine Mütze voll Schlaf brauche. Aber so ist das eben als Fotograf und ich kann mich noch kaum an den letzten Tag erinnern, an dem die Arbeitszeiten anders waren. 🙂 Also haue ich einfach in die Tasten und schreibe mir meine ernst gemeinten Worte von der Seele.

Sicherlich wird der eine oder andere Fotograf diesen Beitrag wieder als Humbug abtun. Man muss eben auch zwischen den Zeilen lesen. Ich sage weder, dass es für das Histogramm nie einen Einsatz gibt, ich sage auch nicht, dass man damit keine guten Fotos machen kann. Es gibt ja genügend Fotografen die darauf schwören und tolle Fotos aus der Kamera zaubern. Ich versuche meine Meinung mit stichhaltigen Gründen zu hinterlegen. Und wer dem nicht folgen kann, dem möchte ich auch nie zu nahe treten und der darf natürlich all das machen was er machen möchte!

Es geht mal wieder um das Thema Belichtung und insbesondere um das Histogramm bzw. die Belichtungswarnungen am Display der Kamera.

Hätte mir jemand diesen Beitrag vor einigen Jahren zu lesen gegeben, wäre ich selber wahrscheinlich viel früher auf eine andere Denkweise und nach meinem heutigen Kenntnisstand auch auf bessere Fotos gekommen.

Vom falschen Streben vieler Techniknerds

Im Grunde genommen streben wir alle nach Sicherheit und nach einer Situation, in der wir wissen, das Richtige gemacht zu haben. Im gesamten Leben, als auch in der Fotografie gilt dieser unentwegliche Drang nach Richtig oder Falsch. Problematisch ist dies aber in einem Metier, in dem RICHTIG oder FALSCH subjektiv sind und nicht wie in der Mathematik einer überprüfbaren Formel folgen.

Das Kopfproblem

Da kommt es natürlich gelegen, dass mit der digitalen Fotografie auch das Richtig oder Falsch wieder greifbar wurde. Sensoren sehen in Nullen und Einsen und das liegt ja sehr nah an einer objektiven Entscheidung. Was früher völlig in Ordnung war, nämlich ein Foto zu machen und einfach ob des Gefallens zu entscheiden, wird heute viel mehr das Histogramm nach der Richtigkeit eines Fotos befragt, denn das muss es ja wissen… meint man.

Jetzt kann ich an dieser Stelle nicht das Denken der fotografierenden Menschheit von Grund auf ändern, aber ich kann doch einfach mal objektive Fakten ins Rennen werfen. Und das Grundproblem bleibt dieser gerade beschriebene Drang weg von Geschmack hin dazu, dass die Kamera, der Belichtungsmesser oder ein Forum in Internet über die Qualität eines Bildes entscheidet. Diese Dinge scheinen mehr Gewicht zu haben als die eigene Meinung. Diese wird scheinbar immer öfter immer konsequenter ignoriert.

Ein wirkliches Unding ist für mich das gesamte Histogramm bzw. vielmehr die Belichtungswarnung der Kamera. Sicherlich gibt es beschränkte Einsätze und auch ich kenne zwei drei Sonderfälle, in denen das Histogramm sinnvoll ist. Ich bleibe aber dabei: das Histogramm mitsamt der nervig blinkenden Warnung wird landläufig einfach nur falsch genutzt und ist einer der Hauptgründe für viele furchtbar langweilige Fotos.

Warnung ≠ Verbot

Im Kern meiner Aussage steckt ein falsches Denken. Eine “Warnung” wird nämlich nicht als “Warnung” genommen sondern als Verbot. Macht doch einfach mal den Versuch und googelt nach Überbelichtungswarnung und es werden reihenweise falsche Weisheiten verzapft. Von “Keine Zeichnung” ist dann die Rede. Von “Darf nicht ausfressen und nicht absaufen” oder auch, dass das Histogramm nie links und rechts anstoßen darf.

So wird landläufig ein falsches Wissen in den Kopf aller Fotografen gepflanzt. Vorschläge verdichten sich zu Richtlinien und Richtlinien werden zu Regeln und Regel werden zu Verboten:

  • Niemals links und rechts anecken!
  • Niemals blinken, weil das dann ausfrisst!
  • Niemals weiß fotografieren – keine Zeichnung mehr!
  • Niemals niemals niemals!!!

Der Sinn der eigentlichen Warnfunktion wird völlig durch den Sinn-Fleischwolf gedreht. Das darf nicht sein!

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Daher brauchen wir schnellstmöglich ein radikales Umdenken! Und zwar quer durch alle Bücher, Tutorials und Workshops. Von den Schulen und Unis spreche ich besser nicht. Denen sowas abzugewöhnen wird wahrscheinlich länger dauern als es gebraucht hat, dort die digitale Fotografie einzuführen.

Ich habe an all meinen Kameras die Warnung ausgeschaltet. Vielmehr habe ich sogar ALLE anderen Warnungen deaktiviert. Genauso wie ich an allen Canon-Kameras immer jedwede Einstellungen über dem Bild ausblenden lasse. Für mich zählt nur noch das Bild und der Gesamtlook. Ich hätte viel mehr Zeit darin investieren sollen, meine Kamera kennen zu lernen als dem Histogramm wie ein dummer Hund hinterher zu hecheln.

Ich hab da mal ein persönliches Beispiel in Bezug auf das Arbeiten mit “ungefähren Maschinen”. Oft wird mir nämlich vorgeworfen, dass das Display-Bild niemals richtig verlässlich sein könne. Nun, dazu eine kleine Geschichte: meine Oma hatte früher lange Zeit einen defekten Backofen. Der heizte nie so, wie auf dem Drehrad eingestellt, sondern für mich nach einer undefinierbaren Logik. Trotzdem gelangen meiner Oma immer die besten und tollsten Kuchen. Warum? Weil sie IHREN BACKOFEN KANNTE. Natürlich hat sie sicherlich einige Kuchen in den Sand gesetzt. Darum gehts aber nicht. Es geht darum, dass wir Menschen uns fantastisch anpassen können. Wir lernen, mit Fehlern umzugehen und passen unser Handeln an. Wenn ich merke, dass ich fünf Mal immer mit zu hellen Bildern nach Hause komme, weil ich in der Sonne die Belichtung versaut habe, dann passe ich das eben beim sechsten Mal an und belichtet in der Sonne gefühlt unter. Wenn ich zu so einer “Anpassung” nicht in der Lage bin, dann sollte ich die Kamera lieber liegen lassen. Das ist nämlich sogar einfacher, als ein paar Bücher über Histogramme zu lesen!

Eine Warnung vor dem Nichts

Wie falsch diese Histogramm-Warnung in Wirklichkeit ist, das wissen wir eigentlich alle! Ich verstehe auch nicht, wie es sein kann, dass man dem noch irgendeine Beachtung schenken kann. Daher möchte ich einfach im Nachfolgenden mal demonstrieren wie unsinnig die Warnung ist. Eine Warnung, die vor etwas warnt, was gar kein Problem ist, die bringt doch nix…

Auf dem nachfolgenden Foto habe ich an einem Kellerfenster einen Akt fotografiert. Das Histogramm zeigt einen deutlichen Ausschlag. Da ist nicht nur etwas weiß sondern anscheinend ziemlich viel! Aber ANSCHEINEND ist hier das Schlüsselwort.

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Achtet man auf die Überbelichtungswarnung, dann ist das komplette Fenster völlig ausgebrannt. Nach der allgemein gültigen Devise dürfte da also nix mehr an Zeichnung zu finden sein.

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Komischerweise sieht die ganze Sache anders aus, wenn wir die Belichtung anpassen. Unten sieht man das Histogramm nachdem das Bild um 3 Blenden abgedunkelt wurde. Der Berg endet kurz vor dem Ende des Histogramms.

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Und schaut man auf das Fenster, so erkennt man draußen den Lichtschacht in den Keller. Die Wäde haben plötzlich wieder Zeichnung. Huch? Wie kann das sein? Gerade eben wurde ich doch noch gewarnt, dass da nix mehr zu finden ist!?

Und wer mir jetzt kommt mit “Ja, das macht Lightroom” oder so… der ist schief gewickelt 🙂 Das hat nix mit Lightroom zu tun. Dieses Phänomen hat einen anderen Grund.

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Der einzige Grund für diese Verwirrung ist die Tatsache, dass jedes Histogramm eine Art JPG darstellt. Egal, ob ich an meiner Kamera RAW ONLY oder RAW und JPG speichere. Mir wird das Histogramm immer aus einem JPG errechnet. Speichert der Fotograf kein extra JPG als Datei ab, so greift die Kamera auf das eingebettete JPG Bild zurück. In jeder RAW Datei steckt nämlich so eine Art JPG mit drin! Und das definiert das Histogramm. Nicht die Rawdatei!!! (Ausnahme: Leica M)

Aus diesem Grund blinkt so manches Display fröhlich vor sich hin, in Wirklichkeit befindet sich aber in der RAW-Datei noch massig Zeichnung. Würde ich ausschließlich in JPG fotografieren, dann wäre mit dem Blinken wirklich auch Schluss mit der Zeichnung. Nicht aber in der RAW-Entwicklung.

Und genau daher wirkt diese Warnfunktion nicht. Es ist im Endeffekt eine hohle Warnung, denn der Fotograf weiß – obwohl es blinkt – trotzdem nix. Er weiß, dass dort die Zeichnung weg sein könnte, aber es muss nicht sein. Na toll… viel schlauer wird man dadurch auch nicht!

Wenn nix blinkt, dann ist nix weiß, wenn was blinkt, kann aber auch alles noch da sein!!! Das Blinken sagt also im Grunde nichts aus.

Als Fotograf könnte man also hin gehen uns nach dem Blick aufs Display freudig ausrufen: “Schaut her, nix blinkt, ist also überall noch Zeichnung drin.”

Es macht eins… ES LENKT VOM BILD AB

Viel Schlimmer als die Sache mit der Suggestion des Fehlens von Bildinformationen ist aber die Tatsache, dass die meisten Fotografen sich vom Histogramm und dem Blinken total ablenken lassen. Kurz gefolgt vom bescheuerten (sorry aber :-)) Kontrollblick ob die Augen denn auch 100% scharf sind! Das lenkt nur ab! Ich unterstelle jetzt einfach mal frech und dreist, dass, wer ein Blinken und den Fokuspunkt auf seiner Kamera in der Wiedergabe angestellt hat, gar nicht mehr wirklich aufs fertige Motiv achtet.

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Wie kann man auch, wenn die ganze Zeit Teile des Bildes blinken und leuchten? Außerdem vergessen viele Fotografen dabei einen weiteren Punkt:

FOTOS LEBEN DURCH SCHWARZ UND WEIß. KONTRASTE SIND DIE SPIELZEUGE EINES GUTEN FOTOGRAFEN.

Wer immer nur ein defacto HDR fotografiert, der nutzt nicht alle Möglichkeiten der Fotografie. Viele Bilder brauchen weiß, sei es durch die natürliche Logik der Situation oder um einen Gegensatz zum Motiv zu bilden. Eine Sonne muss ausfressen und ein Fenster im Hintergrund durch das viel Sonne scheint, das darf auch ruhig richtig hell sein!

Schaut euch doch mal die Bilder im Nachfolgenden genauer an. Ich habe jeweils die Weißwerte mit grün und die Schwarzwerte mit Rot markiert. Wenn man nach den Warnungen geht, dann müssten diese Bilder ja allesamt schlecht sein und gelöscht werden.

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Ein Foto hat nix mit Blinken zu tun!

Wir merken also, dass ein Foto nichts mit BLINKEN zu tun hat. Wir als Fotografen müssen die Verknüpfung WARNUNG = VERBOT aus unserem Kopf bekommen. Damals, als Kameras noch Displays in der Art eines Wackelbildes hatte, da war ein Histogramm sinnvoll. In Zeiten von OLED Displays und Megapixelanzeigen in der Kamera sind diese Denkweisen überholt. Gerade in der Fotografie mit ROHDATEN zeigt das Histogramm gar nicht die tatsächliche Information an sondern eben nur einen Bruchteil davon.

Was ist so schlimm an Weiß und Schwarz?

Ist Weiß und Schwarz denn wirklich so schlimm? Ganz im Gegenteil, mein Tipp geht weiter… versucht doch mal, gezielt mit Weiß und Schwarz zu arbeiten. Versucht doch schon beim Fotografieren diese beiden Dinge ins Foto zu bekommen. Macht mehr Licht dort wo schon Licht ist und dunkelt den Schatten zusätzlich ab! Vergesst einfach mal die Warnmeldungen und achtet einfach auf das Motiv. Gebt dem Bild eine Chance, überhaupt in euren Kopf zu kommen und blockiert nicht dessen Weg mit “Schärfe in den Augen” und “Blinkenden Lichtern”. Ein Bild lebt von mehr als nur der Technik… und nicht zuletzt von eurem Geschmack und eurem Stil.

In diesem Sinne…

Euer Martin

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