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DIE EINFACHHEIT AKZEPTIEREN LERNEN

Martin schreibt in diesen Beitrag über das Fotografieren mit vorhandenem Licht. Dabei geht es darum, dass scheinbar so manchem Fotografen die Einfachheit zu einfach erscheint. Paradox, aber wahr.

Schwierigkeit: Einsteiger // Allgemein


Das Erscheinen unseres neuen Videotrainings hat mich zum Schreiben dieses Beitrages gebracht. Denn nachdem wir mit dem Available Light I Videotraining TEMPORÄR 🙂 einen Weg zur Einfachheit und Reduktion eingeschlagen haben, hatte so mancher Fotograf scheinbar Probleme mit der erwarteten Komplexität. Eine immer wiederkehrende Frage war der im Training verwendete Messmodus. Mehrfeld, Spot, Integral… Eine valide Frage – ohne Zweifel! Natürlich sollte man wissen, was an der Kamera eingestellt war… aber warum wurde so oft die eigentliche Thematik übersehen? Nämlich das einfache HINGUCKEN? Ist es wirklich so schwierig, ein Foto einfach zu betrachten und zu entscheiden ob es zu dunkel, zu hell oder perfekt aussieht? Warum muss man einen Balken entscheiden lassen, was richtig und was falsch ist? Sind wir erwachsene Menschen denn wirklich unfähig, einen spontanen Geschmack entscheiden zu lassen?

Meine persönliche Art und Weise der Fotografie mit vorhandenem Licht ist das rein visuelle Betrachten eines Ergebnisses. Schaue ich mir ein Foto von der Kamera an, dann macht es für mich keinen Unterschied, ob das Bild mit Spot- oder mit Mehrfeldmessung so errechnet wurde. Ich nehme es sowieso nur als Ausgangspunkt, um dann sofort die Helligkeit zu variieren. Ich schaue mir das Motiv in dunklerer und in hellerer Form auf der Kamera an, versuche, verschiedene Styles der nachträglichen Bearbeitung bereits vor der Aufnahme gedanklich einfließen zu lassen und überlege, welche Helligkeit am Besten zum gewünschten Effekt passt und welche eben eher weniger stimmig ist.

An derlei Fragen und Aussagen kann man viel über die Denkweise so mancher Fotografen erkennen – und wer kann eine derartige Frage wie “Spot- oder Mehrfeldmessung” besser nachvollziehen als ich? Denn ich liebe Zahlen, Werte und Methoden. Messungen liebe ich ebenfalls und Mess-Methoden sind folglich mein Elysium. 🙂 Aber irgendwann muss man doch erkennen können, dass man sich mit zu viel Technik und Objektivität die Fotografie manchmal vielleicht schwerer statt einfacher macht!

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Die Belichtung eines Bildes ist eine sehr persönliche Sache. Es ist Geschmack und Gefühlssache und hat nur selten etwas mit “richtig oder falsch” zu tun! Die Suche nach der “richtigen Belichtung” gleicht der Suche nach dem heiligen Gral – unerreichbar und daher sinnlos!

Man muss die Einfachheit der Arbeit mit vorhandenem Licht schätzen und lieben lernen. Man muss lernen, Kontraste zu nutzen und erfolgreich in ein Foto zu integrieren. Dynamik, gerade wenn weit außerhalb der Dynamik eines Sensors, ist ein Segen und kein Fluch! Spannung und Lebendigkeit werden über starke Kontraste gesetzt und verbessern den Look eines Fotos in dem Moment, in dem alles stimmig gemacht ist.

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Warum haben so viele Fotografen den Anreiz, sich selbst zur Perfektion zu treiben in einem Bereich, in dem es Perfektion nur beschränkt geben kann? Während der eine das Bild zu hell findet, gefällt dem Nächsten das Foto gerade deswegen so besonders. Häufig verstärken wir bei unseren eigenen Fotos sogar Dynamiken und machen das Bild dadurch noch extremer. Dabei helfen unsere Flares aus der Leitung! Aber was ist richtig? Was ist falsch? Was ist schön? Die Subjektivität bei der Beantwortung solcher Fragen macht den einzelnen Fotografen doch gerade aus! Alles andere ist Einheitsbrei.

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Einfachheit sollte ein Geschenk sein und nicht eine Verdammnis. Es gibt andere Themen in der Fotografie, die kann man nicht einfach mit etwas Rädchen-Drehen bewältigen, z.B. ist das Nutzen eines Blitzes deutlich anspruchsvoller als das Fotografieren mit vorhandenem Licht. Da gibt es zusätzlich zum vorhandenen Umgebungslicht noch weitere verschiedenste Einstellungen. Klare Regeln helfen in dieser Komplexität.

Das Arbeiten mit vorhandenem Licht aber behandelt zu einem Großteil das Sehen von Licht. Wiederkehrende Situationen und das Lesen von Locations in Punkto Licht. Denn Schatten ist nicht immer gleich Schatten – ganz im Gegenteil. Es gibt hellen Schatten, dunklen Schatten, einseitigen Schatten, überall gleichen Schatten, es gibt Schatten mit Verläufen, mit Spiegelungen, mit Verfärbungen und und und… So blöde das klingt, aber das Arbeiten mit der Kamera ist und bleibt bei allen Formen des Fotografierens identisch. Nur muss man eben das Motiv zum Licht passend machen!

Genau das scheint den ein oder anderen Fotografen am AL1 Training zu stören. Wir haben beispielsweise bewusst keinen Belichtungsmesser genutzt! Warum? Ganz einfach – das Teil kostet weitere 400 € und nimmt die Arbeit des Fotografen auch nicht ab. Wir haben gezielt nicht mit irgendwelchen speziellen Messmethoden gearbeitet. Warum auch? Egal welche Messmethode, man muss sich trotzdem immer entscheiden, wie man was wo fotografiert!

Die Arbeit mit vorhandenem Licht scheint einfach. Geh in den Schatten, dreh an der Kamera rum und gut ists… das denkt aber nur der ungeübte Betrachter. Der wahre Könner feiert die Einfachheit der Kamerahandhabung, legt seinen Fokus aber gleichzeitig auf das vorhandene Licht.

Ich gebe euch an dieser Stelle einfach mal eine kleine Hausaufgabe. Schnappt euch ein Objektiv mitsamt eurer Kamera. Nehmt sonst nix mit und geht raus auf die Suche nach tollem Licht. Nutzt keine Spotmessung oder gar eine Mehrfeldmessung. Schaut einfach nur auf das Bild und dreht es heller oder dunkler. Probiert es aus… ihr werdet erstaunt sein, welche wiederkehrenden Locations und Lichtsituationen ihr findet und wie gut dieses Licht immer wieder aufs Neue aussieht!

In diesem Sinne verabschiede ich mich mit ganz lieben Grüßen,

Martin

PS: Die Bilder in diesem Beitrag sind nur mit dem jeweiligen Tages- oder Kunstlicht an der Location gemacht. Dabei handelt es sich um wiederkehrende Situationen, gerade wie im Training AL1 gezeigt. Diese Situationen von Fensterlicht, Lichttunneln und Lichtrichtungen helfen uns Fotografen das Bild zu komponieren. Der Rest ist und bleibt für immer Geschmacksache!!!

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12 Kommentare

Dein Kommentar
  1. Dem hab ich nichts hinzuzufügen. AV-Licht ist genial, es spricht für mich aber auch nichts dagegen es zu Lenken (Reflektor). Bei mir ist es so, das ich meist gar keinen dabei habe und das Licht nutze wie es ist. Allerdings reden wir dann auch nicht von gezielten Fotoshootings sondern spontane Fotos mit Familie, Freunden, usw.

  2. Sehe ich ebenso. Deswegen finde ich es immer so lustig, wenn Kollegen andere Werke “rezensieren” … “zu hell”, “zu dunkel”, etc … Ich fotografiere in erster Linie so, wie ich die Bilder haben möchte. Ich probiere auch gerne rum und drehe mal hier am Knopf oder ändere mal da die Belichtung … Auf die Technik habe ich mich noch nie verlassen, sondern einfach nur darauf, was ich für gut empfinde …

  3. Ich finde deinen Bericht recht Interessant.Leider gibt es im Internet Menschen die auf jeden Pixel rumreiten,und selber ihre nichtvorhandene Erfahrung verschleiern.
    Im Grunde kann man mit wenig Technik viel machen.Nur manche säumen das Pferd von hinten auf.
    MFG Serkan

  4. Sehr wahre Worte, Martin!

    Ich liebe AL. Es ist für mich der Inbegriff der Fotografie. Ich arbeite sehr viel draußen oder on Location. Nutze so gut wie nie Blitze, und bin absolut glücklich mit dem Stil und der Arbeitsweise.

    Ich denke auch, dass viele sich in der Technik und in Werten verrennen ohne dabei an das intuitive Fotografieren zu denken. Und Fotos können so perfekt unperfekt sein… Es muss nicht immer alles Scharf sein, es muss nicht verwacklungsfrei aufgenommen sein, man darf ruhig das Rauschen beim hohen ISO sehen. Ich weiß nicht, warum viele so eine große Angst davor haben…

    Toller Beitrag, danke!

    VG Timo

  5. Ich bin erst seit ein zwei jahren dabei und muß sagen das mir die street photography sehr geholfen hat mit licht zu arbeiten… eine kamera ein objektiv und los gehts…

  6. soviele wahre Worte, Martin.. wie immer von dir! ich stimme voll zu!
    ich habe vorwiegend durch die analoge Fotografie entdeckt, wie wunderbar einfach alles sein kann:
    Zeit und Blende.. ASA ist durch den Film bestimmt.. Feierabend 😀
    ..ganz ohne Motivprogramme oder übermotivierte Kameraautomatiken …

  7. Messmethode passend zum Blog elektronischer Sucher gewählt ? 😉
    Ich sche** auf die Messmethode, noch nie einen Gedanken dran verschwendet.
    Jedoch lob ich mir hier den Sucher der OMD. Direkt checken wie das Bild aussehen wird.
    Da muss bei der großen erst ein Probebild gemacht oder der lv zu Hilfe genommen werden.
    Was wollt ich ursprünglich sagen ?
    keine ahnung mehr 🙂
    einfach ist gut !! Fertig 😉

  8. ich blitze gern und – ja – auch viel, aber es gibt IMMER Situationen, wo AL das pure Gold ist. Und ja, man sieht ein Ergebnis und passt es danach an, was man eigentlich mal für einen Effekt erreichen wollte, so funktioniert: “ich habe eine Idee, ich setze sie um”.
    Genau so. Danke K&G Team für den ewig sprudelnden Pool an Inspiration, Nachweisen und Beweisen 😉

  9. Ich würde bei der ganzen Betrachtung noch unterscheiden für wen die Bilder gemacht werden. Was Martin hier schreibt gilt für den Hobby-Fotografen der für sein Portfolio fotografiert.

    Privat kann jeder machen was er will, aber ein Berufsfotograf, oder jemand der in Auftrag von jemanden fotografiert – egal ob Hochzeit, Architektur, Editorials, usw. – muss Fotos für seine Kunden machen und da gibt es Vorgaben, Regeln und eine verallgemeinerte Meinung. Spätestens jetzt sollte man dann wissen wie man genau das Gewünschte reproduziert.

    Ansonsten teile ich Martins Meinung – macht es doch so wie es euch gefällt und versucht es zuerst mit einfachen Mitteln.

  10. Interessant ist die Beschäftigung mit den Meistern der Malerei.

    Die menschliche Psyche spricht auf bestimmte Lichtsituationen besonders positiv an.
    Veröffentliche ich ein Bild mit einem bestimmten Licht, bekomme ich 3 positive Kommentare a 100 Klicks.

    Painte ich das Bild neu bekomme ich bei demselben Bild 10 positive Kommentare a 100 Klicks.

    Warum auf klicks und Votings achten- nun ja, die Werbebranche lebt von der Einschaltquote und ein Kunstwerk das nur mir gefällt aber sonst keiner sehen will ist auch langweilig.
    So 70 % Mainstream ist eine gute Mischung- nicht banal, nicht künstlich kunstvoll sondern einfach ein technisch so gewolltes Bild ist glaube ich eine gute Zielrichtung.

  11. Oder anders ausgedrückt:
    In dem Moment, wo ich Fotografie kommerziell betreibe, muss ich die Technik perfekt beherrschen.

    Ich kann eben keine Hochzeitsmappe mit 10 künstlerisch unscharfen Fotos abliefern, da die meisten Menschen auf diesem Planeten die Fotos optisch scharf haben wollen.
    Wenn ich 8 technisch einwandfreie Fotos liefere kann ich natürlich als Godie 2 weitere etwas freier fotografierte Kunstfotos beilegen.

    In der Musik habe ich auch die Erfahrung gemacht- Technik ist die Grundlage auf der sich virtuoses Kreativspiel entfalten kann.

    Deshalb rate ich jedem, die Kamera genau zu durchforsten, in den verschiedenen Modi zu fotografieren und EURE Kamera genau zu kennen.
    Das Gerät sitzt dann wie ein Handschuh an der Hand und DANN kann man völlig frei kreativ fotografieren.

    Es ist meiner Meinung nach also nicht Einfachheit contra Technik sondern Einfachheit durch Beherrschen der Technik.

  12. Ach so, hab ich vergessen.
    Vielen Dank an den Autor des Artikels und alle Kommentatoren.
    Super Website.
    Das gegenseitige loben soll man nie vergessen, gibt genug Streit auf der Welt.

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